
PFOF-Verbot ab 1. Juli 2026: Was sich für Anleger ändert und welche Neobroker noch keine Ansage gemacht haben
Ab dem 1. Juli 2026 ist Payment for Order Flow in der EU Geschichte. Für Millionen Depotkunden klingt das nach großen Veränderungen, ist aber für die meisten erst mal ein Nicht-Ereignis. Spannend wird es trotzdem: Die einen Broker stehen längst auf einem neuen Fundament, die anderen schweigen auffällig. Und ausgerechnet die etablierten Direktbanken nutzen den Moment, um den Neobrokern preislich auf die Pelle zu rücken.
Das Wichtigste in Kürze
- Das PFOF-Verbot greift EU-weit zum 1. Juli 2026. Rechtsgrundlage ist Artikel 39a der Verordnung (EU) 2024/791 im Rahmen der MiFIR-Reform.
- Broker dürfen ab dann keine Rückvergütungen mehr von Market Makern dafür kassieren, dass sie deine Orders an einen bestimmten Handelsplatz leiten.
- Scalable Capital und Trade Republic haben vorgesorgt – mit eigener Börse bzw. eigener Handelslizenz. justTRADE und finanzen.net zero haben sich bis zum Stichtag nicht klar geäußert.
- Die Direktbanken comdirect, Consorsbank und S Broker ziehen mit eigenen, teils brandneuen Kostenmodellen nach. Der S Broker hat sein Preismodell sogar erst am 15. Juni 2026 umgebaut.
- Ein großer Preisschock bleibt nach aktuellem Stand aus. Kostenlose ETF-Sparpläne bleiben bei den großen Anbietern erhalten.
Was sich am 1. Juli konkret ändert
Hinter dem sperrigen Begriff steckt ein simples Geschäft. Beim Payment for Order Flow leitet dein Broker deine Kauf- oder Verkaufsorder an einen bestimmten Market Maker weiter und bekommt dafür eine Rückvergütung. Du zahlst beim Neobroker kaum oder gar keine Ordergebühr, der Broker verdient stattdessen am Handelspartner. Genau dieses Modell hat die günstigen 1-Euro-Trades und die kostenlosen Sparpläne überhaupt erst möglich gemacht.
Die EU sieht darin einen Interessenkonflikt: Ein Broker könnte Aufträge dorthin schicken, wo die Vergütung am höchsten ist und nicht dorthin, wo du den besten Kurs bekommst. Mit dem Verbot soll die sogenannte Best Execution, also die bestmögliche Ausführung für dich, gestärkt werden. Die Zuwendungen von den Handelsplätzen fallen weg, der Spread, die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs, bleibt das normale Marktinstrument.
Wird dein Depot dadurch teurer? Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Bei den großen Anbietern sind bislang keine Erhöhungen angekündigt. Selbst wenn ein Wertpapierkauf künftig zwei Euro mehr kosten würde, wären das bei einem monatlichen Sparplan rund 24 Euro im Jahr. Worauf du achten solltest, sind die Gesamtkosten aus Ordergebühr und Spread. Mehr zur Mechanik findest du in unserem Überblick zu den Ordergebühren beim Aktienkauf.

Wie sich der Markt verschiebt
Die Kosten verschwinden nicht, sie wandern nur. Statt der versteckten Rückvergütung im Hintergrund rücken zwei andere Erlösquellen in den Vordergrund: der Spread auf eigenen Handelsplätzen und das klassische Bankgeschäft. Beide großen Neobroker haben inzwischen Vollbanklizenzen und verdienen an der Zinsmarge auf Kundenguthaben, an Karten, an Premium-Abos.
Damit zeichnet sich ab, wohin die Reise geht: weg vom reinen Wertpapier-Broker, hin zur digitalen Universalplattform für Sparen, Bezahlen und Investieren. Trade Republic wirbt in Österreich längst mit kostenlosem Girokonto und Zinsen, hat das Verrechnungskonto in ein Girokonto umgewandelt und im Juni 2026 sogar die IPO-Zeichnung für Privatanleger geöffnet.
Für dich als Anleger heißt das: Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt nicht am 1. Juli, sondern in den Monaten danach. Erst dann zeigt sich, wer günstig bleiben kann, ohne die alte Quersubventionierung.
Wer schon steht und wer noch keine Ansage gemacht hat
Scalable Capital ist der einzige große deutsche Neobroker, der den Umbau bereits vor über einem Jahr abgeschlossen hat. Seit Dezember 2024 betreibt Scalable gemeinsam mit der Börse Hannover die eigene Börse EIX (European Investor Exchange). Die Scalable Capital Bank tritt dort als Market Maker auf, mwb fairtrade liefert zusätzliche Liquidität, das Geld kommt über den Spread. Kostenlose ETF-Sparpläne bleiben, die Konditionen ändern sich laut Anbieter nicht. Im Scalable-Capital-Test zahlst du im Free Broker 0,99 Euro pro Order, im Prime+ sogar 0 Euro.
- 4.500 Aktiensparpläne und über 2.700 ETFs
- Tool für Portfolio-Analyse
- Nur 0,99 € Ordergebühr (FREE-Modell)
- Kostenlose Sparpläne ab 1 € möglich.
Trade Republic geht den ähnlichen Weg über die eigene Infrastruktur. Seit Januar 2026 hält das Berliner Fintech eine eigene MTF-Lizenz (Multilaterales Handelssystem), erteilt von der BaFin an die Trade Republic Business III GmbH. PFOF ordnet das Unternehmen selbst nur als kleineren Einnahmeblock ein. Bei mehr als zehn Millionen Kunden und über 150 Milliarden Euro Kundenvermögen sitzt der Anbieter komfortabel. Order: 1 Euro, ETF-Sparpläne kostenlos.
- Kostenlose Depotführung
- Kostenlose Sparpläne
- Niedrige Ordergebühren
Smartbroker+ gibt sich gelassen. Das Unternehmen will die wegfallenden PFOF-Einnahmen nicht an die Kunden weitergeben. Einzelorder und Sparpläne bleiben zu unveränderten Bedingungen. Nach eigener Aussage beruhte das Geschäftsmodell ohnehin nie in erster Linie auf Rückvergütungen.
- Keine Depotgebühren
- Große Auswahl an Handelsplätzen
- Umfangreiches Angebot an Wertpapieren
Und dann gibt es die, bei denen man bis zum Stichtag rätseln musste. justTRADE hat keine klare Linie kommuniziert, wie das Geschäft nach Juli funktionieren soll. Bei einem 0-Euro-Modell ist eine Anpassung durchaus wahrscheinlich. Auch finanzen.net zero, immerhin lange Zeit das günstigste Depot mit 0 Euro Order- und Depotgebühr, hat sich zur konkreten Umsetzung bedeckt gehalten. Ehrlicherweise muss man sagen: Eine fehlende Ansage ist noch kein Grund zur Panik, deine Wertpapiere sind als Sondervermögen ohnehin geschützt. Aber wer bei einem der beiden investiert ist, sollte die Kommunikation in den nächsten Wochen im Auge behalten.
Die Etablierten kontern mit eigenen Kostenmodellen
Hier wird es richtig interessant. Während die Neobroker ihre Erlösmodelle umbauen, drehen die klassischen Direktbanken an der Preisschraube nach unten und versuchen, den Abstand zu den App-Brokern zu verkleinern.
Am deutlichsten zeigt das der S Broker der Sparkassen-Finanzgruppe. Zum 15. Juni 2026 hat er sein komplettes Preismodell überarbeitet und das kurz vor dem PFOF-Stichtag. Die wichtigsten Punkte:
- Depotführung: künftig immer kostenlos, auch für Bestandskunden (vorher nur bei aktiver Nutzung).
- Sofortorder: pauschal 0,95 Euro pro Order, der Handelsplatz wird automatisch nach Best Execution gewählt (aktuell Tradegate BSX).
- Sparplangebühr: entfällt komplett (vorher happige 2,5 Prozent der Sparrate).
- Handelsplatzentgelt: bei elektronischen Systemen wie Gettex und im Direkthandel fällt es weg. Für Xetra und Parkettbörsen steigt es allerdings auf 2,45 Euro.
Zum Vergleich: Im alten Modell zahltest du beim S Broker noch 4,99 Euro plus 0,25 Prozent, mindestens aber 8,99 Euro pro Order. Der Sprung auf 0,95 Euro pauschal ist heftig und bringt den Sparkassen-Broker zumindest preislich in Neobroker-Nähe. Details dazu in unserem S-Broker-Test.
- Kostenloses Depot
- Riesige Wertpapierauswahl
- Gute Auswahl an ETF-Sparplänen
Die comdirect fährt einen anderen Hebel. Die reguläre Order kostet 4,90 Euro plus 0,25 Prozent vom Volumen, für Neukunden gibt es aber 24 Monate lang einen reduzierten Festpreis von 3,90 Euro pro Trade. Dazu kommen über 570 kostenlos besparbare ETFs und als Lockmittel aktuell 3 Prozent Zinsen aufs Tagesgeld. Die Depotführung von 1,95 Euro im Monat entfällt unter bestimmten Bedingungen. Die genaue Rechnung findest du in der comdirect-Kostenübersicht. Was mich an comdirect bis heute stört: Die Bedingungs-Akrobatik ist so verschachtelt, dass eine einfache Einschätzung kaum möglich ist.
- Hervorragendes Wertpapierdepot
- Große Auswahl an Handelsplätzen & Börsen
- Faire Gebühren für erfahrene Anleger
Die Consorsbank liegt mit ihrer Ordergebühr ab 4,95 Euro plus 0,25 Prozent (zzgl. Handelsplatzentgelt) auf ähnlichem Niveau und arbeitet ebenfalls viel mit Neukunden-Aktionen. Für aktive Trader summiert sich das schnell – bei zehn Trades à 3.000 Euro bist du im Jahr leicht dreistellig dabei, nur für Ordergebühren. Mehr dazu im Consorsbank-Depot-Test.
- Kostenlose Depotführung
- Zahlreiche Aktien und ETF im Sparplan
- Riesige Auswahl an Auslandsbörsen
Unser Tipp dazu: Lass dich von 0,95 Euro oder 3,90 Euro nicht blenden. Rechne deine Kosten immer mit deinem echten Handelsverhalten durch: Ordergröße, Anzahl der Trades, Sparplanvolumen. Eine Direktbank mit Pauschalpreis kann für Vieltrader günstiger sein als ein Neobroker mit prozentualem Spread, und umgekehrt.
Die besten Online-Broker im Überblick
Wenn es rein um die Kosten geht, führen die Neobroker das Feld nach wie vor an. Trade Republic (1 Euro), Scalable Capital (0,99 Euro im Free Broker, 0 Euro im Prime+) sowie finanzen.net zero und justTRADE (jeweils 0 Euro, nur Spread) liegen vorn. Dafür ist die Auswahl an Handelsplätzen und Wertpapierarten oft schmaler.
Die Direktbanken comdirect, Consorsbank und S Broker punkten mit deutlich mehr Handelsplätzen, mehr Ordertypen und dem Rundum-Banking unter einem Dach. Zudem haben sie preislich spürbar aufgeholt.
Welcher Anbieter am Ende für dich passt, hängt von deinem Profil ab. Eine ehrliche Gegenüberstellung mit Bewertung findest du in unserem Neobroker-Vergleich und Depot-Vergleich.
Fazit
Das PFOF-Verbot ist für die großen deutschen Neobroker kein existenzielles Risiko, sondern eine Anpassung. Scalable und Trade Republic stehen auf neuen Beinen, Smartbroker+ bleibt entspannt und bei justTRADE und finanzen.net zero lohnt sich ein wachsamer Blick auf die kommenden Wochen.
Die eigentliche Überraschung liefern die Etablierten. Dass ausgerechnet der Sparkassen-Broker sein Modell auf 0,95-Euro-Orders und kostenlose Sparpläne umstellt, kommt unerwartet. Für dich als Anleger ist dieser Preiswettbewerb die beste Nachricht der ganzen Geschichte: Mehr Druck auf die Gebühren, mehr Auswahl, transparentere Kosten. Wechseln musst du wegen des Verbots nicht, aber genau hinschauen lohnt sich jetzt mehr denn je.

