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Mann mit Brille vergleicht Informationen auf Blatt Papier

Der Inflations-Index: Das neue FrĂĽhwarnsystem fĂĽr Preissteigerungen

Hohe Inflationsraten treffen alle Menschen. Insbesondere seit der zweiten Jahreshälfte 2021 sind die Inflationsraten in einem rasanten Tempo angezogen. In 2022 stieg die Inflation im vergleichszeitraum zum Vorjahr um rund 5 Prozent.

Dass die Inflation steigen wird, war aufgrund der expansiven Geldpolitik zu erwarten. Doch eine Prognose der Teuerungsrate war nur schwer möglich. Jetzt hat die TU Dortmund in Kooperation mit dem Handelsblatt ein neues Inflationsfrühwarnsystem entwickelt, den I-Index.

1. Was ist der I-Index?

Der Inflations-Index, kurz als I-Index bezeichnet, wurde von der TU Dortmund in Kooperation mit dem Handelsblatt entwickelt. Dabei orientiert sich das Modell vor allen Dingen an der Psyche der Marktteilnehmer. Die grundsätzliche These des Modells lautet: dass langfristige Inflationserwartungen aufseiten von Unternehmen und Verbraucher auch zu steigenden Preisen führen werden.

Dabei geht das Modell davon aus, dass die Medien einen groĂźen Einfluss auf die Inflation haben.

Der Inflations-Index basiert auf einem Modell, welches Kommunikationswissenschaften und Ökonomik mithilfe von IT-gestützten Verfahren kombiniert. Als methodische Grundlage haben die Wissenschaftler sogenannte Topic-Modelle verwendet. Mithilfe dieser Modelle lassen sich inhaltlich Muster aus großen Textmengen extrahieren. Das dahinterliegende Verfahren ermöglicht es, aus den unterschiedlichen Topic-Modellen Zeitreihen zu berechnen.

Mithilfe des neuen Modells ist es nun möglich, kausale Zusammenhänge festzustellen und Narrative abzuleiten. Eben jene Narrative bestimmen die Erwartungen der Marktteilnehmer an die Inflation. Die Erwartungen der Forscher an den neuen Inflationsindex: neuartige Erkenntnisse über die Inflation zutage fördern. Insbesondere soll herausgefunden werden, welche Inflationsursachen es gibt und wer Schuld an den aktuellen Preissteigerungen ist.

Das wissenschaftliche Paper zum Inflations-Index kannst du bei der TU-Dortmund lesen.

2. Welche Daten finden beim Inflations-Index Anwendung?

Aktuell basiert der Inflations-Index auf rund 2,9 Millionen Zeitungsartikeln, welche zwischen dem 1. Januar 2001 und dem 28. Februar 2022 erschienen sind. Als Quellen der Artikel werden ausschlieĂźlich renommierte Zeitschriften wie das Handelsblatt, die SĂĽddeutsche Zeitung und die Zeit herangezogen.

Das Handelsblatt soll dabei die spezifische Wirtschaftsberichterstattung abbilden. Dahingegen bildet die Süddeutsche Zeitung im wirtschaftspolitischen Diskurs die Mitte-links ab, während die Zeit die Mitte-rechts vertritt. Somit basiert der I-Index auf einem Durchschnitt der veröffentlichten Meinungen. Ziel dieses Ansatzes war es, Extrempositionen herauszufiltern – diese sind insbesondere beim Thema Inflation vorzufinden.

Rund 50.000 der ausgewerteten Artikel handelten vom Thema Inflation und wurden im Rahmen einer Detailanalyse betrachtet.

Vergleichbare Ansätze gab es bereits in der Vergangenheit mit dem R-Index, den der Economist für den englischsprachigen Raum in den 2000er-Jahren einführte. Dieser Index sollte analysieren, wie oft der Begriff Rezession in den Medien genannt wird und anhand dessen Rezessionen prognostizieren. Das Modell war durchaus erfolgreich und sah die Rezessionen 1981, 1990 und 2001 voraus. Allerdings hat das Modell auch einen Fehler gehabt und im Jahr 1991 mit einem Wirtschaftsabschwung gerechnet – dieser blieb aus.

3. I-Index verläuft nahezu parallel zur Inflation

Ein Backtest der Daten ergibt, dass der I-Index in den ersten 20 Jahren sehr ähnlich zu den Inflationsraten verlief. Teilweise nahm der I-Index die Inflationsentwicklung auch vorweg und fungierte somit als Frühwarnsystem.

Im Grunde ist der I-Index auch eine Weiterentwicklung des R-Index. Durch die Big-Data-Analyse ist dieser jedoch deutlich umfangreicher und zuverlässiger. Immerhin werden nicht nur einzelne Begriffe gefiltert, sondern komplexe Content-Cluster erstellt.

Inflationsindex Darstellung
Inflationsindex im Vergleich zur Realinflation im Zeitraum 2001 bis 2022; Quelle: TU Dortmund

Während wir im Zuge der Corona-Pandemie einen Preisverfall beobachten konnten, stieg der I-Index bereits merklich an und nahm somit die aktuelle Entwicklung vorweg. Aktuell zeigt das Modell zudem, dass das Thema Inflation besonders präsent ist. Rund 4,8 Prozent der analysierten Artikel beschäftigen sich mit der Inflation – der historische Durchschnitt liegt dahingegen bei 1,7 Prozent.

Besonders spannend am I-Index ist die Tatsache, dass dieser auch ein Abbild über die aktuellen Inflationsgründe gibt. So lässt sich extrahieren, welche Inflationsursachen die mediale Landschaft bestimmen und somit eine Auswirkung auf die Marktteilnehmer haben.

Auch Lars Feld, Chefberater von Christian Lindner, sieht im I-Index ein sinnvolles Maß, um die Inflationsdebatte zu führen. Insbesondere der Einsatz als Werkzeug zur Inflationsprognose sei hervorragend. Auch für die EZB könnte der Inflations-Index ein sinnvolles Werkzeug sein. Diese steht vor der Herausforderung, die Inflation einzudämmen und zeitgleich die konjunkturelle Lage zu sichern.

Für die Notenbank sei eine solche Gratwanderung nur möglich, wenn diese wisse, welche Inflationserwartungen den Markt beeinflussen. Inflation als solche kann sich am Markt nur etablieren, wenn die Preissteigerungen dauerhafter Natur sind. Bei langfristig steigenden Preisen fordern Arbeitnehmer höhere Löhne und Unternehmen rufen wiederum steigende Preise auf – die Rede ist von einer Lohn-Preis-Spirale.

4. Inflations-Index 2022 – Lohn-Preis-Spirale möglich

Ein Blick auf den aktuellen Lohn-Preis-Index verdeutlicht insbesondere, dass in den Medien die expansive Geldpolitik der Zentralbank bereits frĂĽhzeitig ein Thema war. Ein GroĂźteil der untersuchten Artikel widmet sich eben jenem Thema.

Laut der Wissenschaftler zeige der Inflations-Index aktuell, dass viele Menschen die Zentralbank für die steigenden Preise verantwortlich machen. Die These der EZB, dass man aktuell kaum einen Einfluss auf die Inflation habe, könne zudem das Vertrauen in die Institution schädigen.

InflationsgrĂĽnde aus dem Inflations-Index
Die EZB wird als Hauptgrund fĂĽr die anziehende Inflation angesehen; Quelle: TU Dortmund

Bei den Narrativen liegt die EZB klar auf dem führenden Platz. Eine klarere Kommunikation und eindeutige Signale hätten zu einem früheren Zeitpunkt den Markt positiv beeinflussen können. Insbesondere im Zuge der Ukrainekrise müsse die EZB jetzt beweisen, dass sie handlungsfähig ist.

Welche Auswirkungen der Ukrainekrieg auf die Inflation haben wird, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht absehbar. Wie der I-Index aktuell verdeutlicht, dürfte der Einfluss allerdings größer sein, als der der Corona-Pandemie und der daraus resultierenden Lieferengpässe. Dies dürfte schlussendlich an den steigenden Rohstoffpreisen liegen, die einen signifikanten Anteil des Warenkorbs einnehmen.

Bereits in den 1970er Jahren war zu beobachten, dass rasant steigende Energiepreise zu einer Stagflation führen können. Die Stagflation führte aufgrund der einsetzenden Lohn-Preis-Spirale schlussendlich zu einer Wirtschaftskrise in der Bundesrepublik.

5. Fazit: I-Index als neues Analyseinstrument fĂĽr die Inflation

Der Inflations-Index kann sich in Zukunft als sinnvolles Instrument zur Analyse von Inflationsnarrativen etablieren. Schlussendlich muss die EZB entscheiden, ob die medialen Faktoren einen ausreichenden RĂĽckschluss auf die Markterwartungen geben und an diesen Stellen sinnvoll gegensteuern.

In Zukunft müssen Lohn-Preis-Spiralen verhindert werden, um einen Abschwung der Wirtschaft zu vermeiden. Stagnierendes Wachstum bei hoher Inflation ist ein Risiko für die Wirtschaft und vor allen Dingen für Arbeitsplätze im Euroraum.

Aus meiner persönlichen Sicht ist der I-Index ein sinnvolles Instrument, um den Puls der medialen Landschaft zu messen. Durch den I-Index lassen sich sinnvolle Rückschlüsse auf die Erwartungen der Haushalte und Unternehmen ableiten. Insbesondere die Beschließung wirtschaftspolitischer Maßnahmen gegen die Inflationserwartungen könnte in Zukunft zu mehr Stabilität im Wirtschaftssystem beitragen.

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Ich bin Sebastian, einer der Mitgründer von Finanzwissen. Nach meinem dualen Studium in der Automobilbranche bin ich zu einer der größten Automobilbanken Deutschlands gewechselt. Im Zuge meiner Karriere konnte ich ein fundiertes Wissen über Finanzen und Investitionen entwickeln. Heute investiere ich vor allen Dingen in Immobilien, Aktien und Kryptowährungen und möchte mein Wissen weitervermitteln.

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