
Chinas Tech-Gigant präsentiert kostengünstiges KI-Modell mit agentischen Fähigkeiten und setzt damit US-Aktien unter Druck.
Alibaba hat am Montag, unmittelbar vor dem chinesischen Neujahrsfest, sein neuestes KI-Flaggschiff Qwen3.5 vorgestellt und damit eine neue Runde im Wettlauf um die KI-Vorherrschaft eingeläutet.
Überblick
- Qwen3.5 ist ein Chatbot des chinesischen Versandriesen Alibaba
- Das Modell kann komplexe, mehrstufige Aufgaben eigenständig über mobile und Desktop-Anwendungen hinweg ausführen
- Die KI von Alibaba ist damit mehr als ein Kaufsassistent, sondern ein vollwertiges Modell
- Derzeit kämpfen amerikanische und chinesische Unternehmen um die Vorherrschaft am KI-Markt
- Die US-Titel hatten lange die Nase vorn doch chinesische Modelle werden immer besser und sind günstiger im Vergleich
Das Qwen3.5-Modell
Das neue Qwen3.5-Modell basiert auf einer hybriden Architektur aus „Gated Delta Networks“ und einer Mixture-of-Experts-Struktur mit insgesamt 397 Milliarden Parametern, von denen jedoch nur 17 Milliarden pro Token aktiviert werden. Diese effiziente Architektur ermöglicht es Alibaba nach eigenen Angaben, die Betriebskosten um 60 Prozent zu senken und gleichzeitig eine achtfach höhere Geschwindigkeit bei großen Arbeitslasten im Vergleich zum Vorgängermodell zu erreichen.
Besonders bemerkenswert: Qwen3.5 wurde speziell für die sogenannte „agentische KI-Ära“ entwickelt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Chatbots, die lediglich auf Fragen antworten, kann das Modell komplexe, mehrstufige Aufgaben eigenständig über mobile und Desktop-Anwendungen hinweg ausführen. Diese „visuellen agentischen Fähigkeiten“ ermöglichen es der KI, Benutzeroberflächen zu erkennen und zu bedienen. Solch ein Funktionsumfang war bisher primär proprietären Modellen vorbehalten.
Experten waren jedoch enttäuscht, denn in den Benchmarks liegt das Modell eher hinter MiniMax M2.5 und GLM-5 von letzter Woche. Die Community könnte es bei Alibaba aber rausholen, wenn diese die kleineren destillierten Modelle.

Direkter Konkurrenzkampf mit ByteDance und DeepSeek
Die Veröffentlichung von Qwen3.5 erfolgt in einem äußerst kompetitiven auf dem chinesischen Markt Umfeld. Nur zwei Tage zuvor hatte ByteDance, das Unternehmen hinter TikTok, sein Doubao 2.0-Modell lanciert. Doubao führt derzeit den chinesischen Markt mit 155 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern an und ist damit die meistgenutzte KI-App des Landes. ByteDances Modell positioniert sich ebenfalls als Lösung für die „Agenten-Ära“ und verspricht Kosten, die um eine Größenordnung unter denen von OpenAIs GPT-5.2 und Googles Gemini 3 Pro liegen sollen.
Doch Alibaba schlägt mit massiven Investitionen zurück. Anfang Februar startete der E-Commerce-Riese eine Coupon-Kampagne im Wert von 3 Milliarden Yuan (etwa 400 Millionen US-Dollar), die es Nutzern ermöglicht, Lebensmittel und Getränke direkt über den Qwen-Chatbot zu kaufen. Das Ergebnis: Die täglich aktiven Nutzer schnellten von 7 Millionen auf 58 Millionen hoch, was eine Versiebenfachung innerhalb kürzester Zeit darstellt.
Gleichzeitig wird in der Branche mit Spannung die Veröffentlichung des nächsten DeepSeek-Modells erwartet. Das chinesische Start-up hatte vor einem Jahr mit seinem kostengünstigen KI-Modell für einen globalen Schock gesorgt und an einem einzigen Tag 593 Milliarden US-Dollar an Börsenwert der Nvidia-Aktie vernichtet. DeepSeek demonstrierte damals, dass leistungsfähige KI-Modelle nicht zwingend Milliarden-Investitionen in teure GPU-Infrastruktur erfordern.
US-Aktien weiter unter Druck?
Die Flut kostengünstiger, leistungsfähiger KI-Modelle aus China stellt die Bewertungen amerikanischer Tech-Aktien fundamental infrage. Die zentrale These, die den KI-Boom der letzten Jahre befeuert hat – dass nur Unternehmen mit zehn- oder hundertmilliardenschweren Investitionen in Recheninfrastruktur konkurrenzfähige Modelle entwickeln können – gerät zunehmend ins Wanken.
Ein Jahr nach dem ersten DeepSeek-Schock zeigt sich: China hat nicht nur aufgeholt, sondern setzt in bestimmten Bereichen neue Maßstäbe. Die Kosteneffizienz chinesischer Modelle ist dabei der entscheidende Faktor. Während US-Unternehmen wie OpenAI und Anthropic monatliche Abonnementgebühren verlangen und auf proprietäre, teure Infrastruktur setzen, bieten chinesische Anbieter vergleichbare Leistung zu einem Bruchteil der Kosten oder sogar kostenlos an.
Besonders hart trifft dies Halbleiterhersteller wie Nvidia. Die Annahme, dass der Bedarf an hochleistungsfähigen H100- oder H200-GPUs kontinuierlich steigen würde, wird durch effiziente Architekturen wie Qwens Mixture-of-Experts-Ansatz herausgefordert. Diese Modelle benötigen deutlich weniger Rechenleistung während der Inferenz, was genau die Phase ist, in der Unternehmen die meisten GPU-Stunden verbrauchen.
Der Aktienmarkt zeigte sich bislang unbeeindruckt davon und die Kurse von Nvidia, Alphabet, Amazon und weiteren KI-Aktien. stiegen weiter an. Vor den Quartalszahlen von Nvidia konnte auch die News, dass kompatible Modelle aus China ganz ohne Nvidia Chips trainiert werden können, die Stimmung nicht drücken.
Datenschutz und politische Bedenken bleiben
Trotz der technischen Erfolge bleiben kritische Fragen offen. Wie andere chinesische KI-Modelle weist auch Qwen3.5 bei politisch sensiblen Themen einen deutlichen Bias auf. Nutzer berichten von zensierten oder ausweichenden Antworten zu Themen wie Taiwan oder dem Tiananmen-Massaker.
Datenschutzexperten warnen zudem vor der Speicherung von Nutzerdaten auf chinesischen Servern. Nach chinesischem Recht kann die Regierung auf alle inländisch gespeicherten Daten zugreifen – eine Tatsache, die insbesondere westliche Unternehmen und Nutzer abschrecken dürfte. Diese Bedenken könnten der globalen Expansion chinesischer KI-Modelle Grenzen setzen.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob sich ein dualer globaler KI-Markt etabliert: westliche Modelle mit strengeren Datenschutzstandards und ethischen Richtlinien auf der einen Seite, kostengünstigere chinesische Alternativen auf der anderen. Für Investoren bedeutet dies, dass die Zeit der unkritischen KI-Euphorie ist vorbei. Die Bewertungen müssen sich an einer neuen Realität messen lassen. Einer Realität, in der Innovation nicht mehr ausschließlich aus dem Silicon Valley kommt.
Alibabas Qwen3.5 ist dabei mehr als nur ein weiteres KI-Modell. Es ist ein Signal, dass China ist bereit, auf allen Ebenen zu konkurrieren. Für US-Tech-Aktien könnte das der Beginn einer Phase der Neubewertung sein. Nicht das Ende des KI-Booms, aber möglicherweise das Ende der amerikanischen Monopolstellung.

