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Evergreen CEO Iven Kurz vor einer Steinmauer

Der Evergreen Robo Advisor CEO Iven Kurz im Finanzwissen Interview

Wir hatten kĂŒrzlich die Chance, ein Interview mit dem CEO des Robo Advisors Evergreen zu fĂŒhren.

Im GesprÀch beschreibt Iven Kurz, wie er die aktuelle wirtschaftliche Lage bewertet und wie Anleger sich auf die kommenden Monate vorbereiten können.

Viel Spaß beim Lesen!

1. Frage: Hallo Iven, stell dich und Evergreen doch einmal kurz unseren Lesern vor.

Ich bin Familienvater und GrĂŒnder von Evergreen, einem nachhaltigen Asset Manager mit digitaler Vermögensverwaltung.

Meine beruflichen Wurzeln liegen im institutionellen Asset Management, also dem Managen von Wertpapierfonds fĂŒr institutionelle Anleger wie Versicherungen, Pensionskassen, Kirchen, Stiftungen usw. 2002 habe ich das BWL-Diplom mit Schwerpunkt Finanzanalyse an der Uni Leipzig abgeschlossen und danach die Bereiche Wertsicherung und Total Return als Direktor bei den Asset Managern Metzler und Lampe geleitet.

2. Frage: Evergreen ist kein klassischer Robo-Advisor. Welchen Ansatz verfolgt ihr fĂŒr eure Kunden?

Es gibt Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede.

Auch bei uns kann man sich einfach online registrieren, identifizieren und AnlagevorschlĂ€ge auf Basis seines Risikoprofils erhalten. Zudem bieten wir „guided access“ zu unseren Nachhaltigkeitsprodukten und begleiten die Menschen auf unserer Plattform ein Sparerleben lang.

Bei den eingesetzten Produkten wird ein weiterer wesentlicher Unterschied deutlich, da wir alle Fonds selbst managen. Gerade bei der nachhaltigen Geldanlage ist es wichtig, die richtigen Unternehmen fĂŒr unsere Fonds aktiv auszuwĂ€hlen. Wir verzichten bewusst auf den Einsatz von ETFs, da wir in den vergangenen 20 Jahren die Erfahrung gemacht haben, dass diese dem Anspruch an Nachhaltigkeit meist nicht gerecht werden.

Damit die Geldanlage fĂŒr unsere Anleger:innen auch ökonomisch nachhaltig ist, sind die Produktkosten fĂŒr unsere Fonds mit 0,59% p.a. nicht weit von ETF-GebĂŒhren entfernt und liegen deutlich unter den durchschnittlichen GebĂŒhren fĂŒr aktive Fonds.

Und noch einen Vorteil bietet der Einsatz der eigenen Investmentprodukte: Auf die Erhebung von Depot-, Service- und Transaktionskosten können wir verzichten, was zu einer weiteren Ersparnis fĂŒr unsere Anlegerinnen und Anleger gegenĂŒber einem klassischen Robo-Advisor fĂŒhrt.

Übrigens managen wir nicht nur Fonds fĂŒr unsere eigene Plattform, sondern in Form von White Label Fonds auch fĂŒr andere Anbieter, z.B. die Tomorrow ‚Bank‘ in Hamburg.

3. Frage: Die aktuelle Marktlage hat euch sicherlich auch getroffen. Wie geht ihr als professioneller Fondsmanager mit den Entwicklungen am Kapitalmarkt um?

Die aktuelle Marktlage ist tatsĂ€chlich herausfordernd – die Kombination der Ereignisse ist schon sehr selten. Das betrifft insbesondere den Anleihenmarkt und die Korrelation der Anleihen-Kurse zu den Aktienkursen. In den vergangenen 12 Monaten sind die Zinsen massiv gestiegen, was zu zweistelligen Verlusten am Anleihenmarkt fĂŒhrte. Gleichzeitig sind die Aktienkurse stark gefallen. Wir beobachten als eine positive Korrelation zwischen beiden Asset-Klassen.

Gleichzeitig haben sich Rohstoffe stark verteuert, insbesondere EnergietrĂ€ger wie Öl und Gas. Nachhaltig orientierte Anleger:innen mĂŒssen hier geduldig bleiben, denn in nachhaltig ausgelegten Portfolios fehlt der Kursanstieg aus den „schmutzigen“ Branchen und die Schwankungen fallen deshalb höher aus, als bei einem breiteren Aktienindex. Außerdem litten Technologieaktien, die in nachhaltigen Portfolios hĂ€ufig ĂŒberproportional vertreten sind, besonders stark.

NatĂŒrlich ist all dies nur eine Momentaufnahme. Mittel- und Langfristig orientierte Anleger:innen brauchen sich hier keine Sorgen machen.

Besonders interessant sind auch die WĂ€hrungsbewegungen. Der US-Dollar hat sich gegenĂŒber dem Euro stark verteuert, aktuell haben wir sogar die ParitĂ€t, also 1 Euro ist gleich ein US-Dollar. Das fĂŒhrt zu dem Kuriosum, das amerikanische Anleger:innen in den globalen MSCI Welt Index einen zweistelligen Verlust erlitten und europĂ€ische Anleger:innen nur einen sehr geringen Verlust wahrnehmen, da die Aktienkursverluste durch sehr starke WĂ€hrungsgewinne kompensiert wurden. Aber auch das kann sich natĂŒrlich sehr schnell umkehren, weshalb wir fĂŒr europĂ€ische Anleger:innen immer die wĂ€hrungsgesicherten Anlagevarianten empfehlen, denn wer seine Rechnungen in Euro bezahlen muss, sollte auch in Euro anlegen.

Wie geht man damit nun als professioneller Fondsmanager um? ZunĂ€chst bewegen sich die MĂ€rkte fĂŒr uns in einem erwartbaren Rahmen und unsere Aufgabe ist es, unseren Anleger:innen die Situation, ihre Ursachen und ihre Auswirkungen auf die Geldanlage zu erlĂ€utern. Außerdem sehen wir uns als aktiver Manager in der Pflicht, auch Anpassungen in den Portfolios vorzunehmen, beispielsweise Risiken zu reduzieren, wenn die Schwankungen an den MĂ€rkten zunehmen. DafĂŒr haben wir die sogenannte Sicherheitszone in den Depots eingefĂŒhrt, welche die Risiken fĂŒr unsere Anleger:innen visualisiert und kalkulierbarer macht.

4. Frage: Kannst du uns deine EinschĂ€tzung zu den aktuellen politischen und volkswirtschaftlichen Entwicklungen auf der Welt geben – worauf können sich Privatanleger einstellen?

GrundsĂ€tzlich geht man als Fondsmanager recht nĂŒchtern an die Sache heran. Genaue Vorhersagen lassen sich nicht machen und man arbeitet viel mit Eintrittswahrscheinlichkeiten. Außerdem hat es sich bewĂ€hrt, auch undenkbare oder weniger wahrscheinliche Ereignisse in seine Überlegungen einzubeziehen.

Wir glauben, dass es eine Renaissance der zinsorientierten Produkte geben könnte. Die Menschen haben sich an die niedrigen bzw. negativen Zinsen gewöhnt und deshalb einen Bogen um Anleihen gemacht. Das könnte sich nun Ă€ndern, wenn man mit verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenig Risiko Renditen von 2, 3 oder 4% erzielen kann.

Es bleibt zu hoffen, dass die Zentralbanken die Inflation schnell in den Griff bekommen, denn das ist deren oberste PrioritĂ€t. RezessionsbekĂ€mpfung kommt erst an zweiter Stelle, wenn ĂŒberhaupt. Außerdem wird es spannend zu beobachten sein, wie die Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft vonstatten geht. Es wird auch notwendig sein, sich vom Narrativ des permanenten Wachstums zu verabschieden, insbesondere auch mit Blick auf den zu erwartenden globalen BevölkerungsrĂŒckgang in einigen Jahrzehnten.

5. Frage: Welchen Tipp hast du – gerade fĂŒr neue – Anleger, die noch nie derartige Turbulenzen am Kapitalmarkt erlebt haben?

Emotionen sind immer ein schlechter Ratgeber. Sowohl beim Einstieg als auch beim Verkauf der Geldanlage. Leider ist es immer noch so, dass sich Anleger:innen besonders in Boom-Phasen dazu entschließen, ihr Geld langfristig anzulegen, hĂ€ufig aus Angst, etwas zu verpassen, Stichwort FOMO. Aus „langfristig“ wird dann im nĂ€chsten BĂ€renmarkt oftmals Panik, welche im Verkauf der Investments mit Verlust endet – bis zur nĂ€chsten Boom-Phase.

Deshalb 3 Tipps:

Tipp 1: Den richtigen Anbieter finden

ZunĂ€chst ist die Wahl des Anbieters essenziell. Damit meine ich weniger das Produkt, sondern den Finanzdienstleister oder Berater. Und hier muss guter Rat nicht teuer sein. FĂŒr nachhaltige Geldanlage sollte man sich zunĂ€chst die Frage stellen, ob es Sinn macht, ein nachhaltiges Produkt bei einem nicht nachhaltigen Anbieter zu erwerben, der nebenbei noch Geld mit allerlei „schmutzigen“ Investments verdient.

Tipp 2: Auf die GebĂŒhren achten

Außerdem sind die GebĂŒhren absolut essenziell fĂŒr den ökonomisch nachhaltigen Anlageerfolg. Wer hier die falsche Wahl trifft, kann einen großen Teil seiner Performance einbĂŒĂŸen.

Tipp 3: Emotionen beim Investieren außen vor lassen

Drittens sollte man sich bei einer Entscheidung fĂŒr eine Geldanlage nicht von aktuellen Trends oder Euphoriephasen leiten lassen. Besser ist es, regelmĂ€ĂŸig zu sparen, z.B. monatlich. Und wenn es doch einmal eine grĂ¶ĂŸere Anlagesumme ist, dann am besten auch hier das Investment ĂŒber 12 bis 18 Monate verteilt investieren.

6. Frage: Viele Anleger neigen bei schlechtem Börsenwetter dazu auszusteigen, um einen besseren Zeitpunkt zum Wiedereinstieg abzuwarten. Wie gefÀhrlich ist diese Strategie aus deiner Sicht?

Der Wunsch ist nachvollziehbar, die RealitĂ€t ist aber ernĂŒchternd. So liegt der langfristig erzielbare Ertrag eines globalen Aktienportfolios zwar bei 6 bis 7% pro Jahr. In einigen Phasen, z.B. von 2000 bis 2014 hat man aber beispielsweise ĂŒber 14 Jahre per Saldo nichts verdient. Man benötigt also enorm viel Geduld. TatsĂ€chlich sind die meisten Anleger:innen weit vom genannten Durchschnittsertrag entfernt. Das liegt zum einen an den hohen durchschnittlichen GebĂŒhren und zum anderen an den psychologischen Faktoren Gier und Angst, was die Menschen immer zu den falschen Zeitpunkten in die MĂ€rkte hinein und wieder hinaus treibt.

Geldanlage, gerade in Bezug auf Altersvorsorge hat etwas mit der Strukturierung des eigenen Vermögens zu tun. Hier gilt es zu entscheiden, wie hoch langfristig der Anteil an den einzelnen Asset Klassen ist, um bis zum Renteneintritt der Inflation etwas entgegenzusetzen und seinen Lebensstandard spÀter halten zu können. Kurzfristiges Kaufen und Verkaufen von Aktien oder anderen VermögensgegenstÀnden hat dagegen eher etwas mit Gambling zu tun und auch hier gilt: Am Ende gewinnt immer die Bank.

7. Frage: Ist ein Blick in die Vergangenheit sinnvoll? Wie vergleichbar ist die aktuelle Krise mit vergangenen Wirtschafts- und Finanzkrisen?

Absolut. Ein Blick in die Vergangenheit kann sogar helfen, die momentanen Schwankungen einzuordnen und sich daran zu erinnern, dass Wertschwankungen zur Geldanlage dazu gehören. Das heißt aber auch, dass der Umfang der Schwankungen Ă€hnlich ist, die Ursachen dafĂŒr aber immer wieder unterschiedlich. Und deshalb wissen wir zwar, dass die nĂ€chste Erholung und die nĂ€chste Krise mit Sicherheit kommen werden, wir wissen aber nicht wann und weshalb. Darum ist es das Beste, seinem gut strukturierten Portfolio nicht allzu viel Beachtung zu schenken und sich bis zur Rente interessanten Dingen zu widmen.


Finanzwissen.de:

Vielen Dank fĂŒr deine ausfĂŒhrlichen Antworten, Iven!
Wir wĂŒnschen dir viel Erfolg mit Evergreen und gutes Gelingen ĂŒber die kommenden Monate!

Hi! Ich bin
👋

Ich bin einer der GrĂŒnder und von Finanzwissen.de. Nach einem erfolgreichen Startup Exit habe ich es mir mit Finanzwissen.de zum Ziel gesetzt, jungen Leuten die Grundlagen des Vermögensaufbaus nĂ€herzubringen. Mit meinem Studium der Mathematikdidaktik und meinen TĂ€tigkeiten fĂŒr einen Investment-Fonds als Background versuche ich, dir modernes Finanzwissen einfach aufbereitet weiterzuvermitteln.

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