Sven Schumann von der Deutschen Börse

Interview mit Sven Schumann: Finanzbildung an Deutschen Schulen

Zuletzt am 26.04.2023 aktualisiert
Erschienen am 20.09.2022
Lesezeit 4 min.

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Im Interview mit Finanzwissen.de erzählt Sven Schumann von seinen Aufgaben bei der Deutschen Börse und wie er mit dem Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland die Finanzbildung an deutschen Schulen fördern möchte.

Wir finden die Einblicke und Ansätze, die Sven beschreibt, äußerst interessant und wünschen dir viel Spaß beim Weiterlesen!

Hallo Sven, stell dich doch einmal kurz vor.

Gerne, ich befasse mich bei der Deutschen Börse mit strategischer Kommunikation und Stakeholder Management. Zu meinen Themengebieten zählen zum Beispiel die kapitalbasierte Altersvorsorge und die Finanzbildung.

Als Co-Vorsitzender des Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland setze ich mich zudem aktiv für die die Stärkung der ökonomischen Bildung als Teil der Allgemeinbildung ein.

Was ist das Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland und welche Ziele werden verfolgt?

Das Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland ist eine gemeinnützige Initiative von Lehrkräften, Verbänden, Wissenschaft und Wirtschaft.

Wir setzen uns für die feste Verankerung ökonomischer Bildung in allen weiterführenden Schulen in Deutschland ein – in angemessenem Umfang, fundiert vermittelt und verpflichtend für alle Schülerinnen und Schüler. Um dieses Ziel zu fördern, machen wir uns für eine bessere fachbezogene Qualifizierung der Lehrkräfte stark und vernetzen die Akteure der ökonomischen Bildung in Deutschland untereinander.

Aktuell unterstützen mehr als 100 überwiegend institutionelle Mitglieder das Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland.

Wie bewertest du den aktuellen Stand der Finanzbildung in Deutschland? Wo siehst du die größten Aufholpotenziale?

Zahlreiche Umfragen belegen den Wunsch vieler Jugendlicher nach mehr Wirtschafts- und Finanzbildung.

Die jüngsten Bildungsstudien, darunter vom DIW Berlin und vom Münchener ifo Institut, dokumentieren deutschlandweit einen zunehmenden Mangel an ökonomischen Kompetenzen und zugleich ein erhöhtes Bewusstsein und Bedürfnis nach ökonomischer Bildung. Eine nationale Finanzbildungsstrategie, wie sie in vielen Ländern bereits verfolgt wird, wäre eine denkbare Lösung.

Was machen andere Länder anders als wir?

Die OECD setzt sich mit der Initiative on Financial Strategies (INFE) seit 2008 dafür ein, die finanzielle Allgemeinbildung in den Mitgliedsländern und darüber hinaus durch nationale Finanzbildungsstrategien zu stärken.

Über 130 Länder sind dieser Empfehlung bereits gefolgt. In den Niederlanden treibt beispielsweise Königin Máxima, die auch als UN-Botschafterin für das Thema aktiv ist, als Schirmherrin die Finanzbildung der Bevölkerung voran. Schweden hat zusammen mit der kapitalgedeckten Vorsorge sieben Säulen der Finanzbildung für alle Lebensphasen etabliert. Hierzulande sucht man nach einer systematischen finanziellen Grundbildung der Bevölkerung vergeblich.

Seit Jahren fließt viel Kapital in die Fintech-Szene. Darunter finden sich auch viele Unternehmen, die Finanzbildung zum Geschäftsmodell machen. Was hältst du von solchen Lern-Apps oder digitalen Finanzcoaches?

Das zeigt vor allem das große Potential, das in der Verbesserung der Finanzbildung gesehen wird. Pauschal kann man das aber nicht beantworten.

Bei kostenlosen Angeboten sollte man sich die Frage stellen, wie sich die Unternehmen finanzieren. Denn wie heißt es so schön: „Wenn du nichts für das Produkt zahlen musst, bist du das Produkt“.

Lass uns kurz über dich sprechen: Wie gehst du das Thema Finanzbildung zu Hause mit deinen Kindern an? Gibt es Tipps, die du Eltern mit auf den Weg geben möchtest?

Es ist wichtig, mit den Kindern über Finanzen zu sprechen und ihnen Ihre Fragen zu beantworten.

Das Taschengeld bietet dazu erste konkrete Anlässe bis hin zur Funktion eines Girokontos, auf das wir unseren älteren Kindern das Taschengeld inzwischen überweisen. Irgendwann ging es bei uns am Esstisch um das Geldverdienen und das Sparen – für Konsum und Vermögensbildung.

Wir haben dann gemeinsam das Buch „Ein Hund namens Money“ von Bodo Schäfer gelesen. Der erste Aushilfsjob und ein Sparplan folgten recht bald.

Buchcover von "Ein Hund namens Money" von Bodo Schäfer

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Das deutsche Rentensystem leider besonders stark unter dem demografischen Wandel. Glaubst du, dass wir hier mit einem kapitalmarktbasierten Modell für mehr Entlastung und ein höhere Rentenniveau sorgen können?

Das Umlagesystem der gesetzlichen Altersvorsorge erhält bereits heute über 100 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt.

Jetzt gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, was das Verhältnis von Beitragszahlern zu Leistungsempfängern dramatisch verschiebt. Da muss man nun kein Prophet sein, um zu erkennen, dass das Altersvorsorgesystem wie wir es heute kennen, an seine Grenzen kommen wird.

Egal ob in der gesetzlichen, der betrieblichen oder der privaten Altersvorsorge, es kommt auf die Rendite an. Gerade im derzeitigen Niedrigzinsumfeld lassen sich fast nur noch am Kapitalmarkt nennenswerte Erträge erzielen, die den für die Vermögensbildung so wichtigen Zinseszinseffekt möglich machen.

Die Frage nach der Verantwortung für ökonomische Bildung ist umstritten. Wen siehst du primär dafür verantwortlich, dass wir das Niveau an Finanzbildung in Deutschland verbessern?

Es ist am Ende eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der viele Akteure gleichermaßen gefragt sind.

Aber die Rahmenbedingungen setzt nun mal die Politik und gerade, wenn es um Veränderungen in der schulischen Bildung geht, ist mehr oder weniger politischer Wille in allen 16 Bundesländern notwendig.

Wie kann man sich Finanzen im Lehrplan vorstellen? Als zusätzliches Schulfach oder als Integration in bestehende Fächer?

Zur sachgerechten, pädagogisch sinnvollen Behandlung ökonomischer Sachverhalte bietet ein Pflichtschulfach Wirtschaft oder auch ein Kombinationsfach wie Politik und Wirtschaft den erforderlichen Raum.

Nur so kann auch eine wirtschaftswissenschaftliche und wirtschaftsdidaktische Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte sichergestellt werden.


Lieber Sven, vielen Dank für das Interview und deine ausführlichen Antworten zum Thema Finanzbildung in Deutschland!

Christian Musanke
Christian Musanke
Gründer
Über den Autor
Nach meinem Studium der Mathematikdidaktik konnte ich mein erstes Start-up zu einem erfolgreichen Exit führen und sammelte später Erfahrung in einem Investmentfonds für Kryptowährungen. Als einer der Gründer von Finanzwissen.de habe ich es mir zum Ziel gesetzt, jungen Menschen den richtigen Umgang mit ihren Finanzen und solides Investieren näherzubringen.

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